B9 Clivus

Typologie

Mehrfamilienhaus

Data

6’180m3 GV SIA416, 1’870m2 GF, 950m2 BF

Status

im Bau

Jahr

2025 - 2028

Zusammenarbeit

Studio Miskeljin, Visualisierungen

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Typologie des Hangs

B9 in Küsnacht verhandelt eine archetypische Situation des Bauens am steilen Hang: ein kleines, stark geneigtes Grundstück an einer wichtigen Verkehrsachse mit Seesicht, dass gleichzeitig einer hohen nachbarschaftlichen Dichte ausgesetzt ist. Die Architektur reagiert nicht mit einer ikonischen Geste, sondern mit einer präzisen Neuordnung der Beziehung zwischen Topografie, Erschließung und Wohnen. Ziel ist es, den Hang selbst zur eigentlichen Typologie zu machen.

Dabei fungiert die Bergstraße als infrastrukturelle Schnittlinie zwischen Dorfkern und Forch und markiert eine Schwelle zwischen der horizontalen Logik des Verkehrs und der vertikalen Logik des Hangs. B9 positioniert sich genau in diesem Spannungsfeld und versteht das steile Gelände nicht als gestalterische Einschränkung, sondern als strukturelle Leitfigur: Die Hangneigung bestimmt Orientierung, Höhenstaffelung, Erschließung und letztlich die innere Organisation der vier Wohneinheiten.

Gestaffelte Einheiten als Alternative zum klassischen Mehrfamilienhaus

Konzeptionell setzt B9 dem etablierten Bild des luxuriösen Mehrfamilienhauses am Zürichsee eine alternative Typologie entgegen. Anstelle eines zentralen Treppenhauses, das alle Geschosse seriell verbindet, sind die vier Einheiten über das Untergeschoss und das Terrain jeweils direkt angebunden. In ihrer räumlichen Figur verhalten sie sich eher wie gestaffelte Einfamilienhäuser.

Diese Verschiebung von der horizontalen zur vertikalen Nachbarschaft erzeugt eine andere Vorstellung von Exklusivität: Nicht die Zimmeranzahl oder die Terrassenfläche stehen im Vordergrund, sondern die individuelle Beziehung jeder Wohnung zum Hang und zum Seehorizont. Die beiden Wohnungen im Gartengeschoss transformieren das Untergeschoss – traditionell ein sekundärer, technischer Raum – in ein differenziertes Wohnniveau mit abgestuften Raumhöhen (ca. 2,40 m, 2,90 m und 3,35 m), zweigeschossigen Zonen und Oberlichtbelichtung. Dadurch entsteht eine eigenständige, vertikal geschichtete Wohnlandschaft.

Die darüberliegenden Ebenen – Erdgeschoss und Obergeschoss – setzen diese Logik fort, ohne sich einfach darüberzulegen. Vielmehr entsteht eine räumliche Stapelung, in der jede Einheit ihren eigenen Grad an Offenheit, Rückzug und Blickbezug ausbildet, während die Gesamtfigur als kohärentes Volumen lesbar bleibt.

Die beiden seitlichen Einschnitte sind mehr als eine formale Geste: Sie formulieren eine architektonische Antwort auf die Frage, wie in der „zweiten Reihe“ Licht, Raumtiefe und Aussicht generiert werden können. Indem sie Lichtkegel und Blickachsen tief in das Volumen schneiden, erzeugen sie eine Sequenz von Innen-Außen-Innen, in dem Wohnraum, Terrasse, Einschnitt und Landschaft zu einer räumlichen Folge verschmelzen.

Diese räumliche Dramaturgie macht die Hanglage als Abfolge von Schwellen erlebbar: vom geschützten Bereich des Untergeschosses über halböffentliche Terrassen bis hin zum offenen Blick in Richtung See. Die Einschnitte operieren dabei auf drei Ebenen zugleich: Sie dienen als Belichtungsinstrument, als optischer Filter und als sozialer Regler, der Nähe und Distanz innerhalb der vertikalen Nachbarschaft justiert.

Die Entscheidung für eine grün glasierte Terrakotta-Fassade ist als bewusste Erinnerungsschicht zu lesen. In der frühen Planungsphase war das Grundstück von dichter Baumvegetation umgeben. Diese verhüllte den Blick auf den See weitgehend und machte den Ort zunächst als introvertiertes, von Grün gefasstes Terrain erfahrbar.

Mit der Freilegung der Seesicht verschiebt sich der Fokus von der Nah- zur Fernwahrnehmung und die eigentliche Präsenz der Bäume geht dabei verloren. Die keramische Hülle übersetzt diese frühere Situation in eine abstrakte, pigmentierte Haut, die wie eine sedimentierte Erinnerung wirkt – eine Oberfläche, die den gefällten Baumbestand nicht imitiert, sondern als farbliche und materielle Resonanz im Projekt bewahrt.

Durch die Reflexion des Lichts und die Veränderung der Farbtiefe im Tagesverlauf entsteht ein subtiler Dialog zwischen Fassade, Vegetation und See. So wird B9 zu einem Haus, das nicht nur auf seine unmittelbare Umgebung, sondern auch auf die Vergangenheit des Ortes reagiert – eine Architektur, die Kontext nicht nur topografisch, sondern auch zeitlich versteht.

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